Heroes of Tomorrow – Episode 6

Episode 6: A Test of the Mind

 

Nate – 10. März 2006

 

Das alte, schwarze Auto, dass ich so gut kannte, hielt vor dem Kindergarten an. In dem Moment, als Dad ausstieg, rannte ich in seine Arme. Wie immer machte er sich nichts aus Verkleidungen in der Öffentlichkeit. Seine zerzausten, blauen Haare hätte man sowieso nicht verstecken können. Er drückte mich fest an sich: «Na, Champ? Alles klar? Wie war dein Tag?» Ich löste mich aus seiner Umarmung: «Geht so…» Er erschrak, als er mein blaues Auge sah: «Wer war das?»

 

«Du darfst dich von diesem Mason nicht rumschubsen lassen. Sonst hört er nie auf», riet mir Dad. Wir machten mal wider einen Nachmittagsspaziergang durch den Carl Schurz Park, den ich von Dads Schultern aus überblickte wie ein Pirat in seinem Krähennest. Bis jetzt hatte ihn noch niemand angesprochen, was ich gut fand. Ich hatte ihn gerne ganz für mich allein. Auch wenn es echt cool war, dass er der grösste Held der ganzen Welt war. Ich antwortete ihm nicht.

 

Er hielt an und setzte mich ab. Er bückte sich zu mir runter und griff meine Schultern. Seine braunen Augen sahen mich besorgt an: «Nate, ich weiss es ist nicht einfach, sich jemanden zu behaupten, der stärker ist als man selbst. Aber wenn du ihn nicht mit purer Kraft besiegen kannst, dann musst du eben deinen stärksten Muskel verwenden!» Er tippte sich an die Stirn. «Und vergiss nicht: Lach dem Bösen immer ins Gesicht. Denn die, die in dieser Welt am meisten lachen, sind immer die stärksten. Ok?» Ich nickte.

Nate – 23. September 2018

 

Ich schlug hart auf einen Sandsack ein, als mir mein Gespräch mit Dad in den Sinn kam. Seit vier Uhr in der Früh trainierte ich schon in einer der Turnhallen der NY. Jetzt war es 7:30 Uhr. Ich hätte sowieso nicht schlafen können. Heute war der erste, grosse Praxistest und das einzige, was mir durch den Kopf ging, war welchem Gegner ich gegenüberstehen würde. Eigentlich war es egal. Alle meine Klassenkameraden hatten unglaubliche Fähigkeiten, vor denen jeder Respekt hatte. Heute war der Tag, an dem ich allen zeigen musste, dass ich mehr als nur ein One-Punch-Gimmick war. Ich durfte nicht im Staub der anderen zurückbleiben. Zeit für ein paar Quirk-Übungen.

 

Ich lief zu der grossen Autobatterie, die ich ein paar Meter weiter weg aufgestellt hatte. Ich absorbierte die Energie und spürte sofort den elektrischen Kick, der durch meine Venen rauschte. Ok… erst mal 25%. Ich schlug auf den Sandsack ein… und er flog quer durch die komplette Halle krachend an die Wand. Vielleicht wäre etwas weniger Kraft angebracht. Nächster Sandsack, als nächstes 10%. Der Sandsack machte drei Loopings um die Aufhängung. Schon besser. Plötzlich bemerkte ich etwas. Ich trat einige Schritte zurück und schlug die Luft in Richtung des Sandsacks. Es waren nur etwa 5%, weswegen man es nur leicht sah, aber der Sandsack wehte leicht nach hinten. Ich kreierte Windböen durch meine Schläge? Das war was Neues. Ich legte es im alten Hauptmuskel unter nützlich ab.

 

Seit ich mit dem Training begonnen hatte, war ich um einiges sicherer mit meinem Quirk geworden, den ich jetzt ‘Living Battery’ nannte. Allein im letzten Monat hatte ich gelernt, einzelne Prozentwerte meiner Energie abzugeben. Nur wie viele Prozent ich noch übrig hatte, sowas musste ich mir noch einprägen. In der Hitze des Gefechts würde ich nicht dauernd mitzählen können. Das musste ich in meinem Bauchgefühl verankern. Wenn ich mich nicht irrte, hatte ich aktuell noch 60% übrig. Ich arbeitete was die Stärke anging meistens in Fünferschritten, um es einfach zu halten.

 

«Hier bist du! Was zum Teufel machst du hier?», fragte Ed, der gerade in die Halle eintrat. Ich zeigte auf den Sandsack, der abgekämpft an der Wand lag: «Training für heute.» Ed schien eine Erleuchtung zu haben: «Warum ist mir das nicht eingefallen?! Training wäre heute echt nötig gewesen. Verdammt, du bist echt gewitzt, Nate! Aber egal, komm schon. Der Test beginnt gleich.» Ich sah auf die Uhr. Schon viertel nach acht! War es nicht eben noch halb gewesen? Wie schnell die Zeit vergehen kann. Schnell schnappte ich mein Zeug und lief zum Ausgang, wo Ed die Tür freundlicherweise für mich aufhielt: «Wir sollten uns beeilen. Wir müssen ganz nach hinten auf der Insel, zu Trainingsareal Omega.»

 

Total ausser Atem kamen wir am Trainingsareal an. In solchen Momenten wurde einem klar, wie gross das Schulgelände eigentlich war. Alle standen schon ungeduldig da und sahen uns zu, wie wir die letzten Meter zurücklegten. Mr. Aizawa sah uns mit giftigem Blick an: «Ihr wisst, was ich von zu spätem Erscheinen halte. Nach dem Unterricht unterhalten wir uns mal.» Wir nickten schuldbewusst. Ich fühlte mich schuldig, weil ich für Eds Verspätung verantwortlich war, aber es schien ihn nicht wirklich zu interessieren.

 

Aizawa wandte sich nun den wichtigen Dingen zu: «Na gut, wie ihr wisst findet heute der erste Praxistest statt. Nehmt das nicht auf die leichte Schulter. Diese Tests werden die schwierigsten in eurer Ausbildung. Folgt mir in den Observationsraum.» Wir alle folgten unserem Lehrer, als er an der Betonmauer des grossen Trainingsareals eine Tür öffnete. Dahinter lag etwas, was einem Kinosaal verdammt ähnlichsah. Riesiger Fernseher, bequeme Stuhlreihen… alles war da. Wir alle setzten uns. Aizawa startete den Fernseher, auf dem ein Bürogebäude sichtbar wurde: «In diesem Test werdet ihr euch in Zweierteams bekämpfen. Jedes Team sollte das andere als Bösewichte ansehen. Euer Ziel ist es, das andere Team kampfunfähig zu machen. Mittel sind alle erlaubt. Aber wenn es zu sehr eskaliert, werde ich die Übung abbrechen. Und haltet Kollateralschäden bitte auf einem Minimum. Das ist eine Praxisübung, also wie ihr euch in einer echten Situation verhalten solltet. Gut, Zeit, die Teams auszulosen…»

 

Er schnappte sich eine Glasschale mit vielen kleinen Zetteln darin, die auf einem der Sessel gelegen hatte. Er begann Namen zu ziehen. Manche Match-Ups waren echt gut. Als Rem und Nick gezogen wurden, nickten sie sich zu. Mit ihren Quirks konnte man gemeinsam sicher einiges anfangen. Hannah und Kenny wurden gezogen. Kenny grinste, Hannah stöhnte und warf frustriert die Hände vors Gesicht. Nicht alle Teams waren so großartig. Ich konnte Eds Gesichtsausdruck nicht ganz deuten, als er mit Mason in ein Team gesteckt wurde. Mein Name wurde gezogen… danach Prim. Sie warf die Faust triumphierend in die Luft, dann klatschte sie mich übermässig enthusiastisch ab: «Wir werden den Boden mit ihnen wischen!» Ich musste auflachen. Unrecht hatte sie nicht. Wir waren ein gutes Team, das hatten wir in der Aufnahmeprüfung zweifelsohne unter Beweis gestellt. Aber wir traten dieses Mal nicht gegen Roboter, sondern gegen unsere Mitschüler an. Die meisten anderen Teams waren auch ziemlich ok, wie Nico und Toni, oder Oliver und Harry.

 

Alle waren ausgelost. Jetzt ging es ums Ganze. Aizawa setzte sich: «Die ersten Teams sind Team Electrode/Hypnotiser und Team Bee-Girl/Magentoid Los, zieht euch eure Kostüme an. Sie befinden sich in der Umkleide. In fünf Minuten steht ihr einsatzbereit an den entgegengesetzten Eingängen des Bürogebäudes. Los!» Rem und die anderen hasteten zu den Umkleiden. Ich zeigte ihm den Daumen nach oben, um ihm viel Glück zu wünschen. Er lächelte nervös zurück. Die Kostüme… die hatte ich ja komplett vergessen! Heute würden wir sie endlich in Aktion sehen.

 

Es dauerte nicht lange, bis die Teams in Position waren. Der riesige Bildschirm verteilte sich auf die verschiedenen Kameras im Gebäude, von denen es unzählige gab. Aizawa legte sich ein Headset an: «Habt ihr alle euren Ohrstöpsel drin? So kann ich immer mit euch in Kontakt bleiben.» Die anderen zeigten alle den Daumen nach oben. Kenny rockte sein Metalloutfit mit einer Passenden Mundmaske. Hannahs kurzes Bienenkleid mit der Schutzbrille sah ebenfalls sick aus. Nick hatte seine Lederjacke mit ein paar Elektromustern in sein schwarzes Outfit integriert. Rem war der einzige, der nur einen schlichten schwarzen Einteiler mit etwas leichter Panzerung trug. Ich und Armin sahen uns an. Daran mussten wir definitiv noch arbeiten. «Na gut…» begann Aizawa. «Drei… Zwei… Eins… LOS!!!»

 

Die Teams betraten das Gebäude. Die Eingangsbereiche waren relativ dunkel, weswegen wir nicht wirklich etwas sahen. Der erste Stock war schon besser ausgeleuchtet. Die ersten, die den ersten Stock erreichten, waren Kenny und Hannah. Hannah flog mit ihren Flügeln leicht über dem Boden und zuckte mit den Fühlern. Sie analysierte die Gegend genau. Überall schwirrten kleinere Bienenschwärme umher. Kenny aber lief einfach seelenruhig weiter. Hannah sah in schockiert an: «Was machst du eigentlich?! Du kannst hier nicht einfach so dämlich umherschlendern, Stanley! Die anderen könnten gleich um die nächste Ecke sein!» Kenny warf ihr ein selbstbewusstes Lächeln zu: «Bitte… entspann dich doch mal, Süsse. Watts ist ihre einzige Möglichkeit, um anzugreifen. Rems Quirk ist ja ganz toll und alles, aber solange wir seine Fragen nicht beantworten, sind wir vor ihm absolut sicher. Also komm runter und geniess den Moment.» Sie sah in stirnrunzelnd an. Die beiden waren wirklich nicht kompatibel.

 

Auf der anderen Seite des ersten Stocks lief Rem durch die Gänge. Von Nick war keine Spur. Hatten sie sich etwa aufgeteilt? Rem schlich vorsichtig voran. Wahrscheinlich wollte er die anderen erstmal ausfindig machen, bevor er handelte. Er kam seinen Gegnern langsam immer näher… Beide Teams liefen auf das Zentrum des Stockwerkes zu, ein einfaches Schreibtisch-Areal. Als Rem die beiden hörte, duckte er sich hinter einen Tisch.

 

«I can’t stop this feeeeling… deep inside of me…», sang Kenny entspannt vor sich hin. Hannah flog entnervt hinterher: «Was zum Teufel, Stanley?! Was soll das? Willst du, dass sie uns durchs ganze Gebäude hören?» Kenny unterbrach seine popstar-gleiche Gesangseinlage: «Wie sollen wir sie denn sonst aus ihrem Versteck locken, hm? Manchmal denk ich echt, du bist nur geiler Körper und leerer Schädel.» Sie lief knallrot an: «Du mieser, kleiner…»

 

«Ihr habt gerufen?», wurde sie von Rem unterbrochen, der unerwarteter weise entspannt an einer der Arbeitsnischen lehnte und die Ruhe selbst war. Kenny und Hannah waren beide vollkommen perplex. Kenny fing sich als erster: «Böser Fehler von dir, allein herzukommen, Tombs. Jetzt bist du fällig!» Aus den kleinen Taschen an Kennys Gürtel schossen kleine Metallstückchen geradewegs auf Rem zu. Schnell duckte er sich weg und verschwand unter einem der Tische. Die Metallstücke blieben in der Wand stecken. «Los, findet ihn!», wies Hannah ihren Bienenschwarm an. Die Bienen schwirrten wild im Raum umher, auf der Suche nach ihrem Ziel. Plötzlich landete eine Rauchgranate vor Kennys Füssen und auf einmal war das ganze Zimmer in Rauch gehüllt. Ich sah Armin an: «Du hast ihm Rauchgranaten verpasst?» Er zuckte mit den Schultern: «Schien mir nur fair.»

 

Die Bienen fanden sich überhaupt nicht mehr zurecht und verloren an Höhe. Rauch und Bienen war keine gute Kombination. Hannah ging es wohl ähnlich. Sie hatte komplett die Orientierung verloren und schien vom Rauch ganz schwach zu werden. Kenny liess sich nicht so leicht unterkriegen. Seine Metallmaske sah von vorne aus wie silberne Raubtierzähne. Er würde nicht so leicht aufgeben. Als er unter die Tische blickte, entdeckte er Rem endlich. Schnell schoss er eine weitere Ladung Metallstückchen los, die Rem an der rechten Schulter verletzten und ihn zu Boden warfen. Kenny rannte zu Rem rüber und drückte ihm den Fuss auf die Brust. Die Metallstückchen wurden an seine Faust gezogen, wo sie eine Art Panzer erzeugten. «Letzte Worte bevor ich dich ausknocke, Tombs?», fragte Kenny arrogant. Rem fragte nur leise: «W- warum…?» Kenny sah ihn perplex an: «Was soll das heissen, warum? Weil das hier…» Weiter kam er nicht. Rem grinste.

 

Der Rauch legte sich. Hannah bekam sich wieder in den Griff und sah echt sauer aus: «Das war ein mieser Trick Tombs! Dafür bist du dran!» Die Bienen erhoben sich vom Boden und schossen auf Rem zu. Sofort wurden einige mit Metallstücken aus der Luft geschossen, was die Formation auflöste. Kenny stand mit leerem Blick da. Er war vollkommen in Rems Kontrolle, der nun wieder aufrecht neben ihm stand. «und was machst du jetzt, Bienenkönigin?» Sie hütete sich davor, ihm zu antworten. Sie war schliesslich nicht dämlich. Die Bienen schossen weiter im Raum umher und wurden von Metallsplittern getroffen. So ging der Kampf eine Weile weiter. Plötzlich rannte Kenny geradewegs auf Hannah zu rannte und ihre Handgelenke mit seinen Kräften zusammenkettete. Sie sah Rem lachend an: «Was soll das denn, Rem? Ich kann mich trotzdem noch frei bewegen und meinen Schwarm kontrollieren. Du kommst nicht ewig gegen mich an!» Rem zuckte mit de Schultern: «Ich bin auch nur die Ablenkung.»

 

Ein Strahl aus purer Elektrizität zischte in Hannahs Richtung. Sie sah ihn im letzten Moment kommen und wich blitzschnell aus. Nick stand am anderen Ende des Raumes und verschoss aus seinem rechten Zeigefinger den Stromstrahl. «Ha! Daneben, Watts!», rief Hannah triumphierend. «Ich hab’ auch nicht auf dich gezielt, Hannah», antwortete Nick. Der Strahl traf eines der Metallstücke in der Wand. Die Elektrizität ging auf das nächste über, dann auf das nächste, dann auf die Stücke im Boden in einem perfekten Pfad. Hannah bemerkte das kleine Stück Metall an ihrem Schuh erst, als es zu spät war. Sie und Kenny wurden bei lebendigem Leibe elektrisiert und blieben regungslos am Boden liegen. Kennys Bein zuckte leicht. Rem und Nick klatschten sich ab.

 

Die vier Testlinge kamen durch die Tür. Wir alle klatschten. Kenny und Hannah schnauzten sich grimmig an. «Metall ist ein elektrischer Leiter, du dumme Kuh! Schon mal was von Physik gehört?!», fragte Kenny sarkastisch. Hannah imitierte ihn erwachsenerweise: «Oh, keine Sorge Süsse, solange wir seine blöden Fragen nicht beantworten, sind wir ABSOLUT SICHER!!! Und weil ich ein VOLLSPASST bin, werde ich jetzt GENAU DAS TUN!!!»

 

«Genug ihr beiden!» schrie Mr. Aizawa. Die beiden verstummten. «ihr müsst eure Kommunikation und euer Teamwork verbessern. Kenny, geh nicht immer ohne einen Plan in den Angriff über. Und Hannah, du darfst nicht so leicht die Orientierung verlieren. Ihr hättet dieses Match gewinnen können, wenn ihr intelligent gehandelt hättet. Verstanden?» Die beiden nickten schuldbewusst. «Nicolas, Rem, ausgezeichnete Arbeit. Ihr habt das alles genau durchgeplant und eure Kräfte perfekt kombiniert. Nicht nur das, ihr habt die Quirks und Schwächen eurer Gegner perfekt gegen sie verwendet. Rem, was die direkte Konfrontation angeht, musst du dir noch etwas einfallen lassen. Es wird nicht immer jemand auf deinen Quirk reinfallen. Ansonsten ausgezeichnete Arbeit.»

 

«Als nächstes… Team Frost/Redox und Team Thinker/Inferno. Los geht’s.» Wir machten uns auf den Weg zur Umkleide. Als wir aus der Tür waren, packte mich Mason am T-Shirt: «ich mach dich fertig, Akio… ich zeig dir, warum du nicht an diese Schule gehörst!» Ich sah ihm feindselig entgegen: «Wir werden ja sehn, wer hier wen fertig macht.» Ich riss mich los.

 

In der Umkleide stand ich mit meinem Anzug vor den Spiegel. Er war dem meines Vaters sehr ähnlich. Dunkelblau mit weissen und schwarzen Highlights. Nur das hellblaue Sternemblem auf der Brust und der schwarze Umhang fehlte. Es war auch besser so. Die hatte ich nicht verdient. Noch nicht. Um meinen Hals hatte ich etwas gelegt, dass aussah wie ein metallener Kopfhörer. Tatsächlich war es eine Schutzbrille mit aktivierbarem Display, die mir die naheliegendsten Energiequellen zeigte. Armin hatte sie für mich angefertigt. Die neuen Batterien an meinem Gürtel waren auch von ihm. Er nannte die 100A Batterien. Eine hatte ungefähr so viel Energie wie eine halbe Autobatterie. Etwa so viel, wie ich im Moment aushielt. Ich dankte Gott für meinen Tüftlerfreund. Die Wahrheit war, ich hatte wahnsinnige Angst. Heute musste ich mich Mason stellen, der Typ der mich Jahre lang gepiesackt und zu Boden gebracht hatte. Jetzt wurde es ernst.

 

Als ich rauskam, standen Prim und Ed schon vor dem Eingang zum Gebäude. Prim hatte ein weisses Outfit mit hellblauen Highlights. Um ihre Gliedmassen und ihre Hüften waren durchsichtige Ringe mit Wasservorräten angebracht. Sehr clever. Ed trug einen simplen schwarzvioletten Kampfanzug. Er trug allerdings noch ein mechanisch aussehendes Stirnband. Vielleicht ein Booster für seine Kräfte? «Krasses Outfit, Nate!», sagte Prim verblüfft. Ed nickte zustimmend. «Danke, ihr seht auch echt cool aus», antwortete ich nervös.

 

«Wehe du stehst mir im Weg rum, Intelligenzbestie», sagte Mason zu Ed, als er aus der Umkleide kam. Er trug einen schwarzen Einteiler aus Leder mit Flammenhighlights Und Stachelarmbändern. Seine obere Gesichtshälfte wurde durch eine gefährlich aussehende, schwarze Maske bedeckt. Seine Hände waren frei, um seine Flammen nicht zu behindern. Ed verdrehte die Augen: «Keine Sorge. ICH werde dir nicht im Weg stehen.» Mason ignorierte den Sarkasmus und bewegte sich schnell in Richtung des entgegengesetzten Gebäudeeingangs. Allerdings nicht, ohne mir und Prim noch einen tödlichen Blick zuzuwerfen. Ed lief hinterher: «Viel Glück, Leute.»

 

«Dir auch…», rief Prim hinterher. Wir begaben uns in Position. Prim bemerkte meine zitternden Hände: «bist du nervös?» Ich nickte: «Ein bisschen. Mason hat mich gequält, seit ich ein kleines Kind war. Jetzt muss ich der Welt zeigen, dass ich besser sein kann als er.» Prim packte meinen Arm: «Hey, wir schaffen das. Immerhin kann uns als Team nicht mal ein riesiger Roboter aufhalten! Ich nehme an, du hast einen Plan?» Ich lächelte: «Klar hab’ ich den.» Ich flüsterte ihr den Plan, den ich seit heute Morgen vorberietet hatte, ins Ohr. Allerdings hatte ich ihn angesichts der Umstände etwas angepasst.

 

«Mikrophon-Check. Hören mich alle?» Ertönte es aus meinem Ohr. Wir hoben unsere Hände und gaben einen Daumen nach oben. «Also gut… drei… zwei… eins… LOS!» Wir öffneten die Tür und rannten rein. Es war immer noch genau so dunkel wie vorher. Ich wandte mich Prim zu: «Du kennst den Plan. Ab in den ersten.» Sie nickte mir zu und lief zur Treppe. Dann hielt sie kurz inne und drehte sich zu mir um: «Nate… Viel Glück!» Sie rannte die Treppe hoch. Ich dankte Gott kurz für meine beste Freundin, dann hastete ich in Richtung des Parkareals, dass man vorhin im ersten Match kurz gesehen hatte. Es waren keinerlei Autos da. Perfekt. Alles was der Raum hergab waren ein paar Betonpfeiler und viel Kampffläche.

 

Prim

 

Ich rannte die Treppen hoch. Das Gebäude wirkte wie ausgestorben. Endlich war ich oben im ersten Stock angekommen. Ich fragte mich, wie Nate sich so schlug. Ich hoffte wirklich, dass er mit seinem Plan richtig lag. Und vor allem hoffte ich, dass er sich gegen Mason behaupten konnte. Meine Aufgabe war Ed. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, hätte ich gegen keinen von beiden gekämpft. Sie waren ganz oben bei den stärksten Schülern der Klasse dabei. Aber ich hatte keine Wahl.

 

Ich war im selben Büroareal angekommen, wo die anderen vorhin gekämpft hatten. Verdutzt sah ich in die Mitte des Raumes. Ed schwebte im Schneidersitz mit geschlossenen Augen über einem der Tische. Sein drittes Auge leuchtet hell auf seiner Stirn. Er lächelte, als er mich bemerkte: «Hallo, Prim. Gleich als Mason allein losgerannt ist, habe ich erwartet dich ebenfalls alleine aufzufinden. Nate und er kämpfen wahrscheinlich gerade fast einen Kampf um Leben und Tod. Aber ich werde auch kein leichter Gegner sein!» Jede Menge Büromaterial um ihn herum begann zu schweben und schoss auf mich zu. Akrobatisch wich ich aus. Aber da war Ed auch schon zu mir geflogen und warf mich gegen die nächste Wand. Aus den Wassertanks an meinem rechten Arm erschuf ich ein paar Eiszapfen und schleuderte sie auf ihn zu. Sie prallten an einer violetten, durchsichtigen Schutzbarriere ab.

 

«Prim, du kannst mich nicht besiegen. Ich habe die Kampfstile von allen im Voraus analysiert. Du kannst mich nicht besiegen. Ich sehe alles…», sagte er siegessicher. Ich liess jede Menge Wasser auf den Boden tropfen: «Nicht alles!» Schnell verwandelte ich das Wasser in Wasserdampf und höhlte den Raum mit dichtem Nebel aus. Danke für den Trick, Rem. Ed lachte: «Schlau von dir, mir die Sicht zu nehmen. Aber dank meiner Kräfte spüre ich den ganzen Raum. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich dich finde.» Ich schlich um ihn rum. Er bezog seine Kräfte von seinem Kopf. Also musste ich nur seinen Kopf einfrieren. Dann würde er komplett kampfunfähig werden. Ich schlich an ihn ran… gaaanz vorsichtig… dann liess ich einen Schwall Wasser auf seinen Kopf niederfallen. Bevor ich ihn allerdings vereisen konnte, wich er aus.

 

Der Dampf verflüssigte sich allmählich wieder. «Zu langsam! Und jetzt hast du nichts mehr, was dich vor meinen Angriffen schützt.», analysierte Ed. «Nicht ganz…», antwortete ich. Schnell vereiste ich das Wasser, dass sich nun am Boden angesammelt hatte und verwendete die Metallsohlen meiner Schuhe zum Schlittschuh laufen. Ich war nun erheblich schneller. Ed schleuderte Stühle und Tische nach mir, aber nichts traf. Aber ich war fast schon am Ende meiner Kräfte. Er hingegen schien noch vollkommen fit zu sein. ‘Komm schon Nate… ich kann ihn nicht ewig hinhalten. ’ Plötzlich hörten wir ein lautes Geräusch unter uns, so ähnlich wie eine Explosion. Der Boden rumpelte.

 

Nate

 

Ich wartete eine Weile. Trotzdem bewegte ich mich nicht vom Fleck. Und tatsächlich; deine der Türen zum Parkareal öffnete sich und Mason trat ein. Er war allein, wie erwartet. Er wollte das selbst regeln. Genau wie ich. «Na, du Nerd. Hast du deine Eishexe allein losgeschickt? Besser so, dann sieht sie nicht, wie ich dich fertigmache!» Ich nahm eine Kampfposition ein, absorbierte die Energie einer 100A. Ich musste mit dieser Energie auskommen. Nachladen würde mich verwundbar machen. Ich atmete tief durch: «Dann hol mich doch, wenn du dich traust!»

 

Blitzschnell rannte Mason auf mich zu und feuerte einen Schwall Flammen aus seiner rechten Hand auf mich ab. 2% in die Beine! Ich sprang schnell an eine Säule, um auszuweichen. Dann stiess ich mich mit 3% in seine Richtung. Trotz meiner Geschwindigkeit wich er aus. Ich landete auf dem Boden. «Nicht schlecht, Akio! Du hast ja wirklich was gelernt. Aber denk nicht, dass ein mieser, kleiner Nichtskönner wie du mich aufhalten kann!» Er verschoss aus beiden Händen Feuerbälle. Schnell stützte ich mich auf meine Hände und wehrte den ersten mit einem 2% tritt ab. Dann packte ich 5% in meine Arme und flog über die restlichen Feuerbälle hinweg. Als ich hinter Mason landete, pfefferte ich ihm 7% in die Rippen, worauf er quer durch die Halle flog und auf dem Boden aufschlug.

 

Vor Wut zitternd richtete er sich auf. Seine Pupillen sahen so aus, als ob sie Feuer gefangen hätten. Seine Hände waren komplett in Feuer gehüllt. Er richtete seine Handflächen hinter sich aus und liess weitere Flammen nach hinten los. Unfassbar schnell kam er auf mich zu und rammte mir seinen Kopf ans Kinn. Ich donnerte gegen eine Säule. «Du miese, kleine RATTE!!!» Schrie Mason und entliess eine Flamme aus seiner linken Hand. Ich hob meine Arme, um mich zu schützen, aber sie traf mich trotzdem und schleuderte mich gegen die Wand. Die Säule, an der ich gelehnt hatte, war nur noch ein Haufen Trümmer. Ich musste mir was einfallen lassen!

 

Überall war Rauch, was die Sicht gewaltig einschränkte. Ich konnte ihn nicht mehr sehen. Dann fiel mir Armins Headset wieder ein. Wenn ich mich nicht täuschte, gab Mason eine gewaltige Menge Wärme, beziehungsweise Energie ab… schnell setzte ich es auf. Das hellblaue, holograffische Display fuhr hoch. Tatsächlich, da im Rauch leuchtete er in einem hellen orange! Danke, Armin.

 

Er sprang auf mich zu. Ich huschte zur Seite und schlug ihm mit 5% ins Gesicht. Seine Nase blutete, aber er liess nicht nach. Seine Stachelarmbänder schnitten mir durch die Wange. Der Schmerz war unfassbar. Ich hatte nur noch 76% übrig. Ich musste vorsichtig sein, wenn ich wollte, dass mein Plan aufging. «Nicht so wild, oder ich muss abbrechen», ertönte es aus meinem Ohr. Ich ignorierte Aizawa, genau so wie Mason, der mit brennender Faust auf mich losging.

 

Mit weiteren 3% sprang ich ausser Reichweite. Nun stand ich genau richtig, wenn ich das Gebäude noch im Kopf hatte. Jetzt kam der einfache Teil; Mason wütend machen. «Ist das alles? Schon witzig, dass so bald ich meinen Quirk einsetzte, du nicht mal mehr ansatzweise mit mir mithalten kannst.» Mason sah mich fassungslos an: «WAS HAST DU GESAGT?!» Es funktionierte: «Ich hab’ gesagt, dass ich besser bin als du!!!» Er rannte wie ein wildes Tier nur von Wut angetrieben auf mich zu. «Es reicht! Hört sofort auf, oder…», weiter kam Aizawa nicht. Ich nahm das Earset aus dem Ohr und warf es weg.

 

Masons brennende Hand schoss auf mich zu. Jetzt oder nie! Ich verteilte 37% Prozent auf meinen Arm. Ich holte aus und mit aller Kraft schrie ich:

 

SMAAAAAAAASSHHHH!!!!!

 

Im letzten Moment verzog ich den Schlag nach oben und schlug die Luft über mir. Masons Feuerschlag traf mich geradewegs in die Brust, und ich fiel nach Luft schnappend zu Boden. Die Windböe war aber so stark, dass die Decke über uns zusammenkrachte. Schnell sprang Mason zurück. Der Schutt hätte ihn sonst begraben.

 

Schwach richtete ich mich auf. Mason legte seine Hände zusammen und sammelte die Feuerkraft, die er noch übrighatte Und feuerte sie in meine Richtung. Es war eine gewaltige Feuerwand, der ich nicht ausweichen konnte. Aber das hatte ich auch nicht vor. Mit den letzte 36% in meinem Körper führte ich einen Salto-Tritt aus. Ich landete auf dem Bauch und die Feuerschwade bewegte sich in Richtung des Lochs über uns. Gerade noch rechtzeitig streckte Ed neugierig seinen Kopf über das Loch und wurde voll von den Flammen erwischt. Bewusstlos fiel er zwischen die Trümmer. Mason schrie wütend auf und rannte auf mich zu. Im letzten Moment fiel ein Wasserfall auf ihn nieder und er erstarrte zu einem Eiszapfen.

 

Prim sprang aus dem ersten Stock auf die Trümmer und wollte mir aufhelfen: «Scheisse, siehst du furchtbar aus!», stellte sie besorgt fest. Ich lachte und hielt mir die schmerzende Brust: «Danke dir. Echt gut fürs Selbstwertgefühl.» Sie grinste und hielt mir die Hand hin: «Gute Arbeit, Redox.» Ich lächelte und schlug ein.

 

Die übrigen Matches waren schnell erledigt. Nicht dass es mir aufgefallen wäre, da ich geradewegs auf die Krankenstation kam. Anscheinend hatte ich fünf Verbrennungen zweiten Grades, tiefe Schnittwunden und fünf gebrochene Rippen. Nichts was Annie nach ihrem Match mit ihrer heilenden Berührung nicht wieder hinbekam. Die zwei Wochen nachsitzen mit Mason waren allerdings etwas weniger witzig. Naja, geschah mir recht, wenn ich direkte Befehle missachtete. Aizawa war zwar unfassbar wütend gewesen, ich hatte aber auch einen Hauch des Respekts in seinen Augen erkannt. Er schien beeindruckt gewesen zu sein.

 

Nach dem Unterricht machten wir uns auf den Weg zur Fähre. Ed hatte sich ebenfalls wieder erholt und schwärmte von meinem genialen Plan und Prims Kampfkünsten. Wir mussten beide lachen. Rem legte uns die Arme um die Schultern: «Ihr werdet euren Vätern definitiv gerecht.» Nick und Mason kamen angelaufen. Mason sah grimmig auf den Boden. «Hey, dass war echt ein toller Kampf, Nate. Du hast echt das Zeug zum Helden! Oder, Mason?» Mason knurrte und lief schnell in Richtung Fähre. Nick rannte lachend hinterher: «Komm schon, sei wenigstens ein guter Verlierer! Bis morgen, Leute!» Jetzt mussten wir alle lachen.

 

Auf meinem Heimweg war ich ganz schön stolz auf mich. Nach 12 Jahren hatte ich den Rat meines Vaters endlich umgesetzt. Ich hatte Mason mit Köpfchen anstatt mit purer Stärke besiegt. Danke Dad. Plötzlich rempelte ich einen Typen an. Ich war wohl zu sehr in Gedanken versunken gewesen: «Entschuldigen Sie. Das war mein Fehler.» Der Kerl drehte sich zu mir um. Er war etwa 18, trug einen schwarzen Hoodie und hatte krauses, blondes Haar. Er war leichenbleich und hatte gespenstisch rote Augen. Er machte mir irgendwie Angst. «Macht nichts, ich hab’ auch nicht aufgepasst. Schönen Abend noch», sagte er mit kratziger Stimme und lief weiter. Ich hatte irgendwas in seinen Augen gesehen. Irgendwas… böses. Ich tat es als pure Einbildung ab. Er war nur ein ganz normaler Passant gewesen. Das war jetzt egal. Heute wurde gefeiert.

 

Heute war der Tag, an dem ich meinem grössten Rivalen bezwungen hatte.