Heroes of Tomorrow: Episode 1 (Pilot)

“Hard times don’t create heroes.

It is during the hard times when the ‘hero’ within us is revealed.”

 

Bob Riley

 

Episode 1: The Symbol of Peace

 

Unsere Geschichte begann vor fast einhundert Jahren. Damals wurde in einer Nacht wie jeder anderer ein Kind geboren. Zuerst schien es wie ein ganz normales Kind. Dann begann es plötzlich, Licht auszustrahlen. Der erste Quirk war geboren.

 

Quirks sind spezielle Eigenschaften, die im genetischen Code von uns Menschen verankert sind. Im Grunde wie ein sechster Zeh am Fuss, oder ein Albino. Sei es eine übernatürliche Fähigkeit oder ein aussergewöhnliches Erscheinungsbild. Bald tauchten überall auf der Welt Quirks auf. Heutzutage besitzen ca. 80% der gesamten Bevölkerung einen Quirk. Kaum ein Kind wird noch ohne Quirk geboren.

 

Aber mit diesen Fähigkeiten kamen schreckliche Folgen. Unzählige Kriege wurden mit ihrer Hilfe oder wegen ihnen geführt. Die beiden Weltkriege waren nur zwei der unmenschlichsten Beispiele. Doch in diesen Zeiten kam Hoffnung auf, wie Sie die Menschheit noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Die ersten Helden erblickten das Gesicht der Welt. Durch ihre selbstlosen und mutigen Taten wurde den Menschen eine neue Art der Sicherheit zuteil.

 

Bald wurden die Helden offiziell als solche von den Regierungen anerkannt und sorgten gemeinsam mit den anderen Gesetzeshütern für Recht und Ordnung. Es entstanden sogar Schulen, die nur zur Heldenausbildung gedacht waren. Es entstanden Gesetzte, die festlegten, dass nur Helden ihre Quirks in der Öffentlichkeit einsetzen durften, um die Sicherheit zu gewährleisten. Aber da hielt sich natürlich nicht jeder dran. Mit stärker werdenden Helden wurden auch die Verbrecher stärker. Zum Glück gab es seit der Entstehung der Superhelden-Gesellschaft einen Faktor, der das Böse weitgehend fernhielt: Das Symbol des Friedens. Ein Titel, der von Generation zu Generation an den stärksten Helden der Welt weitergegeben wurde.

 

Und da komme ich ins Spiel. Nathan Akio. Ihr dürft mich Nate nennen. Ich hab’ fest vor, das nächste Symbol des Friedens zu werden. Warum… naja, das verrate ich noch nicht. Beginnen wir erst mal mit meiner Geschichte.

Nate – 23. März 2006

 

Ich landete mit den Händen auf dem Boden. Ich konnte spüren, wie sich die spitzen Kieselsteine in meine Handflächen bohrten. Staub wirbelte auf und meine Augen tränten. Mühselig stand ich auf und drehte mich um. Mason sah mir schadenfreudig mit seinen bernsteinfarbenen Augen entgegen. Seine beiden Rüpel Freunde Charlie und Brad standen lachend an seiner Seite. Ich sah auf meine Hände; beide blutig.

 

«Pass auf, wo du hinläufst, Akio! Du bist mir im Weg gestanden», setzte Mason obendrauf. So ein Fiesling. Seit sein Quirk aufgetaucht war spielte er sich auf wie sonst keiner. Von dem Freund, den ich mal hatte, war nichts mehr übrig. Mir fielen nur noch Worte zu ihm ein, die Mom mir verboten hatte zu sagen.

 

«Mason, das hat wehgetan! Wieso machst du das?», fragte ich. Sein Lächeln verschwand und wurde durch ein gemeines Licht in seinen Augen ersetzt: «Seit ich dich kenne, spielst du dich auf, weil dein Dad die Nummer 1 ist. Er hat es nicht mal verdient! Aber jetzt wird alles anders. Jetzt, wo ich meinen Quirk habe, werde ich der grösste Held der ganzen Welt! Dann hat dein blöder Dad nichts mehr zu sagen.»

 

Der Pausenplatz vor dem Kindergarten wurde auf einmal ganz still. Alle anderen Kinder sahen zu mir und Mason rüber. Selbst die Rutsche war leer. Sowas war noch nie vorgekommen. Die Mädchen hielten vorsichtig Abstand, die Jungs freuten sich auf einen Kampf. Unsere Kindergärtnerin war wie immer im besten Moment nirgends aufzufinden. Danke für nichts.

 

Mason streckte seine linke Hand aus. Darin tauchte eine kleine Flamme auf, die im Wind loderte: «Und mit dir kann ich’s sowieso aufnehmen. Du kriegst ja doch nie ‘nen Quirk! Ich mach dich fertig!» Ich hatte genug. Ich packte meinem Spielzeug-Bagger und rannte auf ihn zu.

 

Moms Wagen fuhr vor. Sie sprang aus dem Wagen bevor sie richtig geparkt hatte und umarmte mich, wobei ich fast erstickte. «Nathan Akio, in was bist du jetzt schon wieder geraten?!», schluchzte sie teils vorwurfsvoll, teils froh, dass ich halbwegs wohlauf war.

 

«Steig ins Auto, Schatz. Ich muss noch kurz mit Miss Carlson reden. Ich sehe mir das zuhause genauer an», wobei sie den Verband an meinem linken Arm meinte. Ich hatte mich schonmal an einer Herdplatte verbrannt, aber das war tausendmal schlimmer. Ohne Wiederworte zu geben stieg ich hinten ein und zog mit all meiner Kraft die Tür zu. Als sich der Spalt schloss konnte ich meine Mutter gerade noch sagen hören: «Mason Parker, diese elende kleine Rotznase…»

 

Während der Fahrt streckte ich meinen Kopf aus und sah mir die Häuser der Park Avenue an. Ich stellte mir gerne vor, was für Leute wohl in den Appartements lebten. Vielleicht ein gruseliger, bärtiger Mann mit vielen Tattoos? Oder vielleicht doch eine nette alte Dame mit 12 Katzen? Mom war ziemlich ruhig. Normalerweise fragte sie mich sofort nach meinem Tag, sobald sie mich abgeholt hatte. Hatte das was mit der Geschichte mit Mason heute zu tun? War sie sauer?

 

«Wann kommt Dad nachhause?», fragte ich, um sicher zu sein. Mom sah vom Lenkrad auf. Sie schien von einem anderen Planeten zu kommen. Das sagte sie sonst nur über mich. «Dad und sein Team sind auf einem Einsatz. Sicher nichts gefährliches, aber er abreitet heute etwas länger», sagte sie wenig überzeugt.

 

Mein Dad war der grösste Held, den die Welt je gesehen hatte, Redox. Er konnte Energie aufsaugen und dann durch seine Hände verschiessen. Er war so cool. Ich hatte sogar eine Actionfigur von ihm. Ich bekam, die jemals gemacht wurde. Ich wusste noch genau, wie Dad nachhause kam und sie mir mit breitem Lächeln überreichte. «Und? Haben sie meine Schokoladenseite getroffen?», hatte er gefragt. Er musste mir erklären, was eine Schokoladenseite war, was damit endete, dass wir eine Tafel Schokolade verputzten.

 

Ich hatte Dad noch nie unglücklich gesehen. Er lächelte immer, selbst in den schwersten Situationen. «Ein wahrer Held rettet die Leute immer mit einem Lächeln. Das gibt ihnen Hoffnung», sagte er oft zu mir. Ein Motto nach dem er immer lebte. Gut so, denn ich hatte schon oft gehört, dass die ganze Welt zu ihm aufsah. Das Symbol des Friedens. So nannten sie ihn. Selbst wenn seine Kämpfe gegen Bösewichte im Fernsehen übertragen werden lässt Mom sie mich allerdings nicht anschauen. Zu brutal, sagt sie. Deswegen hab ich auch noch nie Dads Team gesehen, das Star-Squad. Aber Dad erzählte mir immer Geschichten ihrer Abenteuer, wenn ich nicht einschlafen konnte. Ich schlief dann zwar erst recht nicht mehr ein, weil die Geschichten so spannend waren, aber das war Dad egal. Er wusste, dass ich eines Tages auch ein Held werden wollte. Und er fand es toll.

 

Mom schloss das Appartement auf und ich rannte schnurstracks zum Fernseher. Sie schüttelte lächelnd den Kopf und schaltete ihn an: «Schön, dass du dich von deinem heldenhaften Kampf erholt hast, du Superheld.»

 

Sie setzte sich neben mich vor den Fernseher: «Willst du darüber reden, wieso du und Mason euch geprügelt habt? Ihr wart doch mal so gute Freunde. Also warum?», sie schien nicht besorgt. Nur neugierig. Logisch, ich prügelte mich ja nie. «Er hat Dad beleidigt. Er hat gesagt, dass er es nicht verdient hat, der grösste Held auf der Welt zu sein, dass die Leute zu Unrecht zu ihm Aufsehen. Ich hab nur Dad verteidigt», antwortete ich.

 

Mom strich sich durch die braunen Haare und lächelte: «Da wird Dad aber stolz sein. Du solltest dich trotzdem nicht prügeln. Ich werde mir immer Sorgen um mein kleines Baby machen.» Sie küsste meine Stirn, dann holte sie den Staubsauger. Während ich mi die neusten Abenteuer von Ash Ketchum und Pikachu im Fernsehen ansah begann sie das Wohnzimmer zu saugen. Mühelos hob sie das Sofa mit einer Hand auf und saugte darunter. Mom konnte ihre Kraft auf spezifische Körperteile verteilen, zum Beispiel 60% in den Arm. Der Rest ihres Körpers wurde deswegen aber schwächer.

 

Plötzlich kam eine Eilmeldung. Ich lauschte der Nachrichtesprecherin, von der Mom immer sagte, sie wisse genau, wieso sie die Stelle bekommen hatte: «Guten Abend New York. Uns erreicht die Eilmeldung, dass es verbrecherische Machenschaften auf der Upper West-Side gibt. Wir bitten alle Bewohner im Umkreis von 5 Blocks darum, Ruhe zu bewahren und sich ordnungsgemäss evakuieren zu lassen. Redox und das Star-Squad sind bereits vor Ort.» Es wurde zu einem Livebild geschalten. Dad, der sich bereitmachte loszulegen. Seine braunen Augen waren genauso wie meine, immer voller Leben. Mom sagte immer, sie hätte den hübschesten Mann in ganz Manhattan abgekriegt, was ich ihr einfach mal glaubte. Seine schwarzblauen Strubel Haare wehten ihm ins Gesicht. Der Ansatz war schwarz, die Spitzen blau. Das war wegen seinem Quirk so, hatte er mir erzählt. Wie immer trug er sein blaues Outfit mit den schwarzweissen Highlights und den schwarzen Handschuhen. Sein Cape wehte im Wind.

 

Als er die Kamera sah, packte er sein bestes Lächeln aus und reckte die rechte Faust in die Luft. Seine klassische Pose. Sein Team konnte auch nicht weit sein. Mom hob die Fernbedienung auf und schaltete um. «Hey, ich wollte das sehen!», rief ich traurig. Mom strich mir durch die Haare: «ich will nicht, dass du dir das ansiehst. Das ist alles viel zu viel für einen Fünfjährigen. Sieh dir was anderes an.»

 

Sie machte weiter mit den Hausarbeiten. Manchmal kam es mir in den Sinn, dass sie Dads Kämpfe nur nicht sehen wollte, weil sie Angst um ihn hatte, und nicht, weil ich zu jung war. Deswegen wiedersprach ich jetzt auch nicht weiter. Stattdessen legte ich die Hände an den Fernseher. Sie leuchteten genau so wie die von Dad, wenn er seine Energieblitze abfeuerte. Ich wollte auch endlich meinen Quirk finden. Ich wollte genau so sein wie Dad. Ich atmete ein und konzentrierte mich darauf, Blitze zu schiessen, aber es passierte nichts.

 

Gerade als ich die Hände vom Fernseher nehmen wollte, begann er zu flackern. Plötzlich ging er komplett aus. Was war denn jetzt los? Ich sah mir den gerade noch eben funktionierenden Fernseher genau an. Ich spürte eine riesige Energie in meinen Händen, als ob ich Bäume ausreissen könnte. Als ich ausatmete, wurde ich gegen das Sofa geschleudert. Mom erschrak und rannte sofort zu mir hin: «Alles in Ordnung, Nate?! Was ist denn passiert?» Mir war schwindelig. Ich blinzelte ein paarmal, dann gings wieder. Der Fernseher war nur noch ein Haufen verrusstes Altmetall. Mom sah mich ungläubig an: «W-warst du das… N-nate, Schatz?» Ich stand auf und sah auf meine Hände. Sie waren voller Russ und fühlten sih an, als wären sie eingeschlafen. War das wirklich ich gewesen? Ich drehte mich lachend zu Mom um. Ich reckte die rechte Faust in die Höhe und rief: «Mom, das heisst ich kann genau so ein Held werden, wie Dad! Ist das nicht toll?» Sie umarmte mich: «Ja… ja das ist es, mein Schatz…» Ihre Stimme war irgendwie ganz schwach. Aber das war mir egal. Ich hatte meinen Quirk gefunden. Ich würde ein Held werden, genau wie Dad! Was er wohl sagen würde?

 

Ich wachte mitten in der Nacht auf. Mein Donald-Duck-Wecker zeigte 23:50 Uhr an. Ich hörte Stimmen an der Haustür. Eine davon gehörte Mom. Weinte sie? Ich stieg vorsichtig aus dem Bett, um nicht auf meine Legos zu treten. Ich schlich zu meiner Zimmertür und reckte mich in die Höhe, um sie zu öffnen. An der Haustür stand ein Polizist in Uniform. Er hatte seine Kappe in der Hand und schien gerade mit Mom zu reden. Als er mich entdeckte, verstummte er. Ich bemerkte, dass der Tisch noch gedeckt war. Mom hatte sicher Essen für Dad vorbereitet, wie sie es eigentlich nach jedem seiner Einsätze für ihn tat. Aber jetzt… jetzt stand sie schluchzend im Morgenmantel an der Tür und umklammerte den Türrahmen.

 

Ich rannte zu ihr hin: «Mom?! Was ist los? Sag was, bitte!» Was war mit ihr? So hatte ich sie noch nie gesehen. Ich hatte echt Angst um sie. Erst drehte sie sich mit verweinten Augen zu mir, dann riss sie mich in eine Umarmung. Mit brüchiger Stimme sagte sie: «Nate… Daddy… Daddy hatte einen Unfall…». Ich sah sie an. Ich verstand nicht. Dann sah ich nochmal zu dem Polizisten, der mich mitleidig ansah. Es war wie ein Blitzschlag, als es mich traf. Ich konnte spüren, wie mir die Tränen hochkamen. Ich stiess meine Mutter weg und rannte.

 

Ich rannte in mein Zimmer und schlug die Tür zu.

 

Nate – 15. Mai 2018

 

Die U-Bahn-Tür öffnete sich und ich trat mit der Menschenmenge ein. Ich setzte mich auf einen beliebigen Platz und legte meinen Rucksack vor mir auf den Boden. Ich streifte mit dem linken Fussgelenk eine Stange. Es brannte, wie Feuer. Ich krempelte mein Hosenbein hoch und sah mir die Brandwunde genau an: Sie schien nicht so schlimm zu sein wie auch schon, aber das machte es nicht gerade besser. Mason, dieses Arschloch. Den ganzen Tag hatte er darüber geredet, dass er sich endlich für die Aufnahmeprüfung der New York Hero Academy eingeschrieben hatte, die beste Heldenschule im ganzen Land. Auch gut. An der NYHA konnte er mich wenigstens nicht mehr quälen.

 

Was mich anging… ich hatte mir nicht mal Gedanken gemacht, ob ich die Prüfung schreiben würde. Meine Kräfte waren praktisch immer noch auf dem selben Stand, wie als ich sie entdeckt hatte. Diese Nacht hatte die Welt eines kleinen, fünfjährigen Jungen zerstört. Und, naja… ohne jemanden, der mir zeigt, wie man seinen Quirk kontrolliert, war das nie ein Thema für mich gewesen. Wer braucht schon eine selbstzerstörende Batterie an einer der besten Schulen der Welt. Mom wollte, dass ich den Laden übernahm, wenn ich alt genug war, und ich hatte nie widersprochen. Vielleicht war ich besser an einem Ort aufgehoben, an dem ich Krämersachen an alte Damen verkaufte.

 

Ich öffnete den Reissverschluss meines Rucksacks und griff herein. Ich schob meine Schulmappe und meine Nintendo Switch beiseite, bis ich fand, was ich suchte. Langsam zog ich die Plastikactionfigur raus und nahm sie in meine Hände. Sie hatten wirklich seine Schokoladenseite getroffen. Ich dachte an meinen Vater… und was er wohl denken würde, wenn er mich jetzt sehen könnte.

 

Das Licht der untergehenden Sonne blendete mich. Ich sah aus einem Seitenfenster des Wagens und erblickte die gewaltigen Hochhäuser der Stadt. Der Stadt, die ich mein Zuhause nannte. Ich erkannte meine Reflektion im Spiegel. Von dem kleinen Fünfjährigen von damals war nicht mehr viel zu erkennen. Stattdessen sah ich in das Gesicht eines dünnen Siebzehnjährigen, dessen blauschwarzen Haare wie immer total durcheinander waren und mir mit müden, braunen Augen entgegensah. Es war ein harter Tag gewesen. Zeit fürs Bett.

 

Ich war kurz vor dem Einnicken, als ich eine Frau bemerkte, die an eine Stange lehnte und genau in meine Richtung sah. Sie trug einen langen, beigen Stoffmantel, was sehr untypisch für diese Jahreszeit war. Ihre schwarzen Haare hingen von ihren Schultern. Sie war hübsch, vielleicht Anfang 30, was komisch war, da ich in ihren Haaren genau die grauen Haarsträhnen zählen konnte. Seltsam…

 

Sie spähte über ihre Sonnenbrille hinweg und musterte mich mit einem abschätzendem Blick. Mir fiel erst jetzt auf, dass sie goldene Augen hatte. Sie sorgten für einen durchbohrenden Blick. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich sie kennen müsste. Ich sprach sie an, weil ihr Starren mich langsam wahnsinnig machte: «Verzeihung, kann ich Ihnen helfen?»

 

«Das kommt darauf an», sagte sie. Typische New Yorker Antwort. Bezweifle, dass man so eine Antwort irgendwo anders bekommen würde. Trotzdem hackte ich nach: «Auf was?» Ein Lächeln bildete sich um ihren Mund: «Darauf, was du bereit bist, zu geben. Darauf, ob du bereit bist, dein Erbe anzutreten.»

 

Ich war noch verwirrter als vorher. Gerade als ich antworten wollte, stockte die U-Bahn und kam rumpelnd zum Halt. Eine Durchsage ertönte: «Meine Damen und Herren, bitte bewahren Sie Ruhe. Auf den Gleisen gibt es gewisse… technische Schwierigkeiten. Wir bitten Sie, den Wagen nicht zu verlassen, bis die Probleme behoben sind. Danke für ihr Verständnis.» Ich hörte von aussen eine Explosion. Sofort war der Wagen in hellem Aufruhr.

 

Manche kamen auf die Idee, die Deckenluken zu öffnen und aufs Dach zu klettern. Ich folgte. Von der mysteriösen Frau keine Spur mehr. Ich kletterte aufs Dach und war umgeben von Menschen. Fast alle hielten Handys in die Luft, vermutlich um irgendwas aufzunehmen. Ich drückte mich durch die Menschenmasse.

Als ich den letzten Typen vorbeistiess, ein junger Mann mit einem Echsenkopf anstelle eines normalen, erkannte ich den Grund für den ganzen Aufruhr. Ein gewaltiger Kerl aus Vulkangestein stand auf den Gleisen. Er war etwa 10 Meter gross und auf seinem Kopf war ein gewaltiger Vulkankrater. Er verschoss brüllend Lava in alle Richtungen. Sogar auf ihm selbst lief es überall runter. Unsere U-Bahn wurde von einem lebenden Vulkan aufgehalten. Willkommen in meiner Welt.

 

Der Echsentyp neben mir unterhielt sich mit jemand anderem: «Was hat der eigentlich angestellt, dass er hier so einen Aufruhr macht?» Der andere Typ, ein blonder Kerl mit roten Augen, antwortete: «Ich hab gehört, dass er ein paar Früchte auf einem Wochenmarkt in der Nähe mitgehen lassen hat und erwischt worden ist.»

 

«Ernsthaft?! So einen Quirk nur zum Früchte klauen verwenden… Sachen gibt’s!», sagte der Echsenkerl kopfschüttelnd. Auf einmal sprangen von beiden Seiten des Gleises zwei Gestalten zwischen unsere U-Bahn und den Bösewichten. Ich erkannte sie sofort. One-Shot und Rockbud! Platz 10 und 9 der stärksten Helden die momentan auf der Erde wandelten! Wie krass!!!

 

Der 32-jährige John McCrain, auch bekannt als One-Shot, richtete seinen Cowboy-Hut und begann seinen Revolver zu laden. Sein Quirk ‘Bulls Eye’ erlaubte es ihm, mit jedem Wurf oder Schuss immer mit höchster Präzision zu treffen. Man erzählt sich, dass er noch nie danebengeschossen hat. Rockbud, oder der 36-jährige Bruce Geoid, bereitete seinen Quirk ‘Stoning’ vor: Sein Arm verwandelte sich zu massiven Gesteinsbrocken, die er werfen und neubilden, oder zum Nahkampf verwenden konnte. Das konnte er theoretisch mit seinem ganzen Körper machen. Wie immer trug er seine Bergbauer-ähnliche Ausrüstung. Wow… der kindische Fan wurde in mir wach.

 

Rockbud warf den ersten Stein-Arm in Richtung Gegner. Kein Effekt, da er auf seiner Haut schmolz. «Ich komm nicht gegen ihn an. Wie ist es mit dir, McCrain?», wandte er sich an One-Shot. Der fing wortlos an zu zielen und schoss eine Salve von sechs Kugeln in Richtung Vulkanmonster. Sie schossen blitzschnell durch die Luft und alle trafen den Gegner mit absoluter Perfektion. Nur brachte auch das nicht viel; die Kugeln schmolzen beim Aufprall, genau wie Rockbuds Gestein. Verdammt. Ausgerechnet die beiden Helden waren da, die hier nichts ausrichten konnten? Verarschen kann ich mich selbst!

 

Aber jetzt war der Früchtedieb sauer. Er richtete seinen Kopf, oder besser seinen Krater, in Richtung der Helden aus. Ein gewaltiger Lavastrom schoss in unsere Richtung. Die Helden konnten zwar zur Seite springen, aber die U-Bahn war ungeschützt. War’s das?! Gerade als ich meine Hände schützend vor mein Gesicht warf, wurde ich plötzlich gepackt und mit unfassbarer Geschwindigkeit bewegt. Als ich meine Augen öffnete, stand ich mit den anderen U-Bahn Insassen einige Meter von der schmelzenden U-Bahn weg. Vor uns stand eine frau mit blonden, gewellten Haaren und violettem Einteiler-Anzug. Auf ihrer Brust prangerte ein goldener Blitz und sie trug eine schlichte, violette Maske. Vor uns stand Fiona Gabriels, die 21-jährige Superheldin Speedex! Ihr Quirk ermöglichte es ihr sich unglaublich schnell zu bewegen, schneller als die Schallgeschwindigkeit sogar! Sie war dieses Jahr zur ‘Sexiest Hero Alive’ gewählt worden und es fiel mir nicht schwer zu erraten, wieso… Daim…

 

«Bewahren Sie bitte Ruhe. Wir Helden kümmern uns schon drum!», rief sie. Und mit diesen Worten zwinkerte sie, salutierte uns mit zwei Fingern und raste wieder in Richtung Kampf, wobei sie nur ein schockierend schnelles Bündel aus violetten Blitzen war.

 

Nun mit Speedex auf ihrer Seite hatten die Helden eine echte Chance. Aber wir hatten ein anderes Problem: Die Lava hatte ein Haus neben den Gleisen getroffen und das Feuer breitete sich schnell aus. Die Bewohner rannten schon alle aus dem Gebäude. Gerade als sich die Situation zu beruhigen schien, begann eine Frau mittleren Alters panisch zu schreien: «Hilfe! Hat jemand meine Tochter gesehen?! Sie ist noch da drin!!! Bitte! Jemand muss ihr helfen!»

 

Die Helden waren viel zu sehr mit dem Verbrecher beschäftigt und von der Feuerwehr war noch keine Spur. Ich hätte in die andere Richtung laufen können… Aber dann sah ich die Actionfigur, die ich immer noch mit meiner Hand umklammerte. Verdammt!

 

Ich stürmte in das Gebäude, bevor mich jemand aufhalten konnte. Meine Beine bewegten sich ganz von alleine. Sofort kam mir ein Schwall Rauch entgegen und ich musste heftig husten. Es war erdrückend heiss im Treppenhaus. Ich rannte die Treppe hoch und wich dabei den Flammen aus, die sich schon überall ausgebreitet hatten. Ich hielt mir den Arm vor den Mund, aber um die Rauchvergiftung kam ich sowieso nicht rum. Plötzlich hörte ich ein paar Stockwerke über mir ein Schreien. Ich stürmte das Treppenhaus hoch.

 

Als ich den Türknauf zur Wohnung öffnen wollte, aus der der Schrei kam, verbrannte ich mir übel die Hand. Scheisse! Ich wich zurück und überlegte, was ich tun konnte. Aber mir lief die Zeit davon. Mittlerweile ging es nicht nur um das Leben eines Mädchens sondern auch noch um mein eigenes. Ich nahm Anlauf und warf mich gegen die Tür. Krachend ging sie auf und ich landete einige Meter weiter vorn auf dem Boden. Zum Glück, denn hinter mir fiel ein Haufen brennendes Gebälk vor den Türrahmen.

 

Ich rappelte mich auf und sah mich um. Schnell erspähte ich das vielleicht 12-jährige, schwarzhaarige Mädchen, dass in einer Ecke der Wohnung auf einem Sessel sass und zusammengekauert weinte. Als sie mich sah, blickte sie mir verdutzt entgegen: «W-wer bist du?» Ich lief zu ihr hin und griff ihre Schulter: «Keine Sorge, okay? Ich hol’ dich hier raus, versprochen?»

 

Sie sah mich jetzt eher skeptisch an: «Und wie, du Genie? Du hast den einzigen Fluchtweg zerstört!» Nette Art, mit seinem Retter zu reden. Aber sie hatte nicht ganz unrecht. Der Ausgang war dank mir nur noch ein grosses Lagerfeuer. Da war kein Durchkommen mehr. Angespannt überlegte ich, wie wir sonst hier rauskommen konnten. Eher nebenbei sah ich auf meine verbrannte Hand, als es mir kam!

 

Ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Wohnzimmers und atmete tief durch. Mein Dad hatte eine ganz gewisse Fähigkeit gehabt, auf die ich jetzt setzen musste. Bitte, Gene, lasst mich jetzt nicht im Stich! Das Mädchen sass jetzt aufrecht auf dem Sessel: «Was zum Teufel machst du da?» Ich beachtete sie nicht. Ich atmete noch einmal tief durch. Und plötzlich konnte ich die Energiequellen der Umgebung spüren. Jede einzelne, von der kleinsten Batterie, bis zum… Fernseher! Ich rannte zu einem Schutthaufen und grub die alte Kiste frei. Es war kein besonders guter Fernseher, noch einer dieser alten Röhren-Dinger, aber es musste reichen. Ich schleifte ihn in die Mitte des Raumes, wobei ich darauf achtete, nicht über das Kabel zu stolpern. Ich wandte mich dem Mädchen zu: «Such die Fernbedienung!» Sie war sprachlos: «W-was aber… aber wieso?!»

 

«Tu’s einfach», antwortete ich und rannte zum nächsten Fenster. Die Flammen wurden dichter. In der Wohnung gab es immer weniger Platz zum Ausweichen. Ich zog das Fenster auf und mir kam ein Schwall frische Luft entgegen. Es ging ganz schön weit nach unten. Wir befanden uns circa im siebten Stock. Gott, bitte lass das hier funktionieren. Ich sah auf die andere Strassenseite. Tatsächlich war das gegenüberliegende Hausdach direkt auf unserer Höhe. Jackpot! Die Kleine warf den Fernseher an: «Und jetzt?» Ich richtete den Fernseher zum Fenster aus und kniete mich davor hin: «Jetzt kniest du dich hinter mich und hältst dich gut fest.»

 

«Du bist doch total wahnsinnig!», sie klang erneut panisch. Dafür hatten wir jetzt keine Zeit. Ich stand auf und hielt sie fest: «Aber deine einzige Option. Also, los beeil dich!» Sekunden später knieten wir beide vor dem Fernseher, sie meine Schultern umklammernd. Ok… jetzt kommts drauf an. Ich atmete ein und hielt meine Hände an den Fernseher. Das Bild flackerte, bis schliesslich das Bild erlosch. Ich schloss die Augen und atmete aus…

 

Und sofort wurden wir durch das offenen Fenster gefeuert. Ich spürte meine Finger nicht mehr. Die Kleine schrie auf meinem Rücken: «Du bist total wahnsinnig!!!» Ich drehte mich in Richtung Boden und das letzte was ich sah, war ein Haufen Passanten sieben Stockwerke unter uns, die alle perplex zu uns hoch sahen.

 

Die letzten Flammen wurden von dem Wasserschwall des Feuerwehrschlauchs gelöscht. Ein paar Funken flogen noch in die Nacht hinaus, das war alles. Der Bösewicht war abtransportiert und die Leute in Sicherheit. Ich sass hinten an einem Krankenwagen und trank einen Kaffee. Ich wusste nicht, wo er her war, aber es war definitiv kein Starbucks-Kaffee. Ich hatte auch eine Decke bekommen, die jetzt um mich herumgeschlungen war. Vor mir standen Rockbud, One-Shot und Speedex.

 

«Was hast du dir bloss gedacht, Junge?! Du hast Glück, dass ich gute Laune habe. Sonst hätt’ ich dich gleich mit diesem Vollidiot von Lava-Spucker weggesperrt. Lass sowas sein. Für sowas gibt es uns ausgebildete Helden. Wir brauchen keine selbsternannten Selbstmörder, die unseren Job für uns machen», stauchte Rockbud mich wütend zusammen, bevor er wegstapfte um sich mit einem Polizisten zu unterhalten. Speedex legt mir ihre Hand auf die Schulter: «Hör nicht auf ihn, Kleiner. Du hast heute verhindert, dass auch nur jemand stirbt. Ohne dich hätten wir das nicht geschafft. Du hast echt das Zeug zum Helden.» Sie zwinkerte mir zu. One-Shot nickte, dann folgten die beiden ihrem Kollegen.

 

«Das bist du also bereit zu geben. Damit lässt sich doch arbeiten!», hörte ich von etwas weiter links. Ich erkannte ihre goldenen Augen sofort: «Wer sind Sie? Und was wollen Sie?» Sie schien amüsiert über die Frage. Ich hatte immer noch das Gefühl, dass ich sie kennen müsste. Irgendetwas an ihr wirkte so… vertraut.

 

Sie setzte sich neben mich. «Hast du schonmal darüber nachgedacht, dich auf der NYHA zu bewerben? Speedex hat recht, weisst du? Du hast echt das Zeug zu einem Helden. Es wäre eine Schande, wenn dein Potential verlorengehen würde», wich sie der Frage aus. «Ich hab keine guten Erfahrungen mit Helden gemacht. Ich hab gesehen, was da am Ende von Ruhm und Anerkennung auf einen wartet. Darauf kann ich verzichten», antwortete ich. Warum antwortete ich überhaupt?

 

«Du hast es im Blut, Nate. Lass die Vergangenheit nicht deine Zukunft bestimmen. Mach ihn Stolz und trauere im nicht nach. Sei ein Held! Schliesslich brauchen wir ein gutes Symbol des Friedens.» Ich sah sie geschockt an. Woher kannte sie meinen Namen? Woher wusste sie, wer ich war? Ihre Augen leuchteten auf: «Oh, bevor ich’s vergesse, versuch mal, die Energie die du hast auf ein Körperteil zu verteilen, zum Beispiel deinen Arm. Wenn’s dir hilft, mach es so wie ich: schrei einfach aus dem innersten deines Herzens…» Den Rest flüsterte sie mir ins Ohr. Ernsthaft?

 

Dann stand sie auf und lief in Richtung der Stadt, zu dem Menschengewusel dass man von jedem Feierabend kannte. Noch einmal drehte sie sich um: «Vergiss nicht, Nate: Ein wahrer Held rettet die Leute immer mit einem Lächeln.» Plötzlich hatte ich ein Bild vor Augen. Ein kleiner fünfjähriger Junge, der weinen am Sarg seines Vater stand, den Arm seiner Mutter umklammernd. Er blickte in Richtung einer Frau. In ihre goldenen Augen.

 

Ich sprang auf, wobei mir die Decke auf den Boden fiel. Aber sie war schon weg, verschwunden in der Menschenmenge. Ich hatte im Gefühl, dass ich sie nicht zum letzten Mal gesehen hatte. Ich hob die Decke auf und legte sie in den Krankenwagen. Dann sah ich zum Himmel. Ich hatte noch nie Sterne über New York gesehen, aber heute strahlten sie zu tausenden. Sie erleuchteten die ganze Stadt. Die Stadt der Helden.

 

Als ich gehen durfte, lief ich noch einmal in Richtung des gelöschten Häuserblocks. Mein Rucksack, den ich einfach abgeworfen hatte, als ich losgerannt war, musste da noch irgendwo liegen. Ich sah auf mein Handy. Ich hatte 20 Anrufe und 10 Textnachrichten verpasst. Mom. Mann, da hatte ich ja einiges zu erklären. Ich steckte mein Handy ein, als ich den Rucksack sah. Ich streifte ihn über, als ich einige Meter weiter vorne eine kleine Plastikfigur entdeckte. Ich hob sie auf. Ich war vorhin einfach so losgerannt, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht hatte ich es wirklich im Blut. Das Blut eines Helden. Ich sah nochmal zu Himmel hoch.

 

‘Dad, egal wo du gerade bist… wer weiss, ob du mich überhaupt hörst… egal, ich denke… ich denke ich bin jetzt bereit. Ich hab gemerkt, warum du das alles getan hast. Warum du ein Held warst, mein ich. Ich will das auch. Ich will so sein wie du! Ich will… ich will das nächste Symbol des Friedens werden!’